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Das große Interview

„Ich hatte Angst vor einem Dienstagvormittag“

Annelie Brandstetter, 66, moderierte über drei Jahrzehnte eine der beliebtesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Ein Gespräch über Abschied, Identität und die Kunst, die Stille auszuhalten.

Senior woman with a silver bob haircut sitting on a sunny terrace with a cup of coffee

Einleitung

Im Garten ihres Hauses am Stadtrand steht ein Tisch mit Apfelkuchen, und Annelie Brandstetter schenkt Kaffee ein, ganz selbstverständlich, als habe sie nie etwas anderes getan.

Wer in den vergangenen dreißig Jahren den Fernseher einschaltete, kannte ihre Stimme: ruhig, warm, ein wenig ironisch. Annelie Brandstetter führte durch Wahlabende, Benefizgalas und die allwöchentliche Sendung, die in Millionen Wohnzimmern zum festen Ritual wurde. Vor zwei Jahren verabschiedete sie sich aus dem Berufsleben, aus eigenem Entschluss, wie sie betont, und doch mit einer Wucht, die sie selbst überrascht hat.

„Niemand hat mich vorgewarnt, dass der Abschied von der Bühne so körperlich sein kann“, sagt sie. Schlaflose Nächte, Unruhe, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden: Die Frau, die Millionen Menschen Sicherheit vermittelte, verlor selbst den Boden unter den Füßen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Ort, singt im Kirchenchor, engagiert sich im Verein und schreibt an einem Buch, von dem sie noch nicht weiß, ob es je erscheint.

Für Infozara.org hat sie sich einen ganzen Nachmittag Zeit genommen und erzählt offen, manchmal stockend, oft mit trockenem Humor, wie es ihr gelungen ist, die Angst vor dem Ruhestand zu überwinden und eine neue Identität zu finden.

Frau Brandstetter, vor zwei Jahren haben Sie Ihre letzte Sendung moderiert. Wie fühlt sich dieser Abschied heute an?

Heute fühlt er sich leiser an als damals. An diesem letzten Abend habe ich gelächelt, Blumen bekommen, Hände geschüttelt, und ich habe die ganze Zeit gedacht: Gleich ist es vorbei, und niemand ruft mehr nach mir. Das Licht ging aus, und ich stand in meinem Mantel auf dem Parkplatz. Es war kalt, und ich wusste nicht, wohin mit mir.

Inzwischen kann ich sagen: Es war ein Ende, aber auch eine Tür. Nur habe ich die Tür damals nicht gesehen, ich habe nur die Dunkelheit dahinter gespürt.

Sie sagen, Sie hatten Angst vor einem „Dienstagvormittag“. Was meinen Sie damit?

Über dreißig Jahre war mein Dienstagvormittag verplant: Redaktionskonferenz, Maske, Proben, Telefonate. Jede Minute hatte einen Zweck und einen Absender. Ich habe mich oft gefragt, was passiert, wenn dieser Dienstagvormittag einfach leer ist. Wenn niemand etwas von mir will.

Das klingt banal, aber genau dort saß meine Angst. Nicht vor dem Alter, nicht einmal vor dem Tod, sondern vor der Stille eines gewöhnlichen Tages. Ich fürchtete, in dieser Stille würde ich merken, dass von mir nichts übrig ist außer einer Rolle.

Wie hat sich diese Angst im Alltag gezeigt?

Zuerst körperlich. Ich habe schlecht geschlafen, bin um vier Uhr morgens aufgewacht mit Herzklopfen und einem Gedankenkarussell. Tagsüber habe ich mich in Aktivität geflüchtet: Schränke ausgeräumt, Termine erfunden, jede Einladung angenommen, selbst die, auf die ich keine Lust hatte.

Mein Mann hat irgendwann gesagt: „Du bist nicht im Ruhestand, du bist auf der Flucht.“ Das hat gesessen, weil es stimmte. Ich wollte die Leere nicht aushalten und habe sie deshalb mit Lärm gefüllt.

Was war der Wendepunkt?

Es war ein unspektakulärer Moment. Eine Nachbarin hat mich gefragt, ob ich am Donnerstag im Vereinsheim beim Kuchenverkauf helfen könne. Ich wollte schon absagen, wie immer, wenn jemand mich „als die aus dem Fernsehen“ einbinden wollte. Aber sie wollte gar nicht die Moderatorin. Sie wollte jemanden, der Kaffee ausschenkt.

Ich stand dort, schenkte Kaffee aus, wurde nach nichts gefragt außer nach der Milch, und ich war seit Langem zum ersten Mal ganz bei der Sache. Niemand wollte etwas von mir, und ich habe gemerkt: Das ist nicht Leere. Das ist Freiheit. Es dauerte nur eine Weile, bis ich den Unterschied fühlen konnte.

Niemand wollte etwas von mir, und ich habe gemerkt: Das ist nicht Leere. Das ist Freiheit.
Annelie Brandstetter

Wer sind Sie, wenn Sie nicht mehr „die Frau von der Bühne“ sind?

Das ist die Frage, die mich am meisten Mut gekostet hat. Ich habe angefangen, aufzuschreiben, was ich vor der Kamera nie sein durfte: unsicher, langsam, albern, auch mal schlecht gelaunt. Ich habe Briefe an die jüngere Annelie geschrieben und ihr verziehen, dass sie sich so sehr über Leistung definiert hat.

Heute würde ich sagen: Ich bin eine Frau, die gern kocht, schlecht Gitarre spielt, im Chor die zweite Stimme singt und im Garten mit den Schnecken verhandelt. Das klingt klein. Aber es ist meins, und niemand kann es mir mit einem Schnitt in der Sendeplanung wegnehmen.

Was hat Ihnen geholfen, Struktur und Sinn im Alltag zu finden?

Kleine Rituale. Ein fester Spaziergang am Morgen, bevor ich die Nachrichten lese. Dienstags Chorprobe, donnerstags das Vereinsheim, sonntags Mittagessen mit der Familie. Diese Anker geben mir ein Gerüst, an dem sich der Tag aufhängen lässt, ohne dass ich ihn vollstopfen muss.

Und ich habe mir erlaubt, Hilfe zu holen. Ich habe an einer Gesprächsrunde teilgenommen, in der Menschen aus ganz verschiedenen Berufen von ihrem Abschied erzählt haben. Zu hören, dass ein pensionierter Busfahrer und eine Lehrerin dieselbe Angst hatten wie ich, war unglaublich entlastend.

Wie hat sich Ihre Partnerschaft verändert?

Sehr. Plötzlich waren wir beide den ganzen Tag zu Hause, und es gab Reibung an Stellen, die vorher nie ein Thema waren: Wer räumt die Spülmaschine ein, wer entscheidet über das Abendessen, wer darf wann allein sein? Wir mussten lernen, neu zu verhandeln.

Wir haben uns angewöhnt, einmal in der Woche zu fragen: Was brauchst du von mir, und was brauchst du für dich? Das klingt nach Therapie, ist aber einfach gutes Zuhören. Unsere Ehe ist ehrlicher geworden, und wir lachen mehr als früher.

Was möchten Sie Menschen sagen, die gerade vor dem Ruhestand stehen und Angst haben?

Dass die Angst kein Zeichen von Schwäche ist. Sie zeigt, dass Ihnen Ihr Leben etwas bedeutet hat. Sprechen Sie darüber, mit Freunden, in der Familie, in einer Gruppe. Allein wird sie größer, geteilt wird sie handlich.

Und geben Sie sich Zeit. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, bis ich ankam. Fangen Sie klein an, ein Spaziergang, ein Ehrenamt, ein Gespräch. Man muss nicht sofort wissen, wer man danach ist. Es reicht, den nächsten Dienstagvormittag zu überstehen, und dann den übernächsten. Irgendwann gehört er einem.

Wooden garden bench under an apple tree in late summer

Zum Schluss: Eine Reflexion

Als wir uns verabschieden, bringt Annelie Brandstetter uns noch bis zum Gartentor. Es ist später Nachmittag, ein gewöhnlicher Dienstag, und die Sonne liegt tief zwischen den Apfelbäumen. „Sehen Sie“, sagt sie und lacht, „es ist Dienstagvormittag gewesen, und ich hatte nichts zu tun. Und es war wunderbar.“

Vielleicht liegt darin die leise Botschaft dieses Gesprächs: Die Angst vor dem Ruhestand ist oft die Angst vor der eigenen Stille. Wer lernt, sie auszuhalten, sie mit kleinen Ritualen, Gesprächen und Gemeinschaft zu füllen, entdeckt, dass hinter dem Beruf noch jemand wartet, den man kennenlernen darf.

Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiedererkennen: Sie sind nicht allein. Sprechen Sie mit uns, wir hören zu.